Sprechen

Wie ermöglicht unser Gehirn das Sprechen?

Die Sprachproduktion erfolgt mit Hilfe von Kehlkopf, Zunge und Lippen. Nicht nur das Zusammenspiel der entsprechenden Muskeln, sondern vor allem die Abfolge der Bewegungen ist für das Sprechen vorrangig. Während zum Beispiel beim Wort „Banane“ bei jeder der drei Silben nur je zwei Laute gebildet werden müssen, sind es beim Wort „schimpfst“ schon sieben Laute für nur eine Silbe. Die Überwachung der Lautproduktion unter Berücksichtigung von Verlauf und Geschwindigkeit übernimmt im Gehirn ein Teil des motorischen Stirnhirns, das sogenannte Operculum. Unmittelbar vor dem Operculum befinden sich in der Großhirnrinde, also in der gewundenen Oberfläche des Gehirns, mehrere andere Areale, die die Sprachproduktion überwachen. Die Sprachlaute müssen in einen gemäß den Sprachgewohnheiten korrekten Verbund (Syntax) gebracht werden. Je weiter diese Areale vom Operculum entfernt sind, umso übergreifender sind die sprachlichen Strukturen, die jeweils bei der Absicht zum Sprechen zu bilden sind:

Sprechen, Sprachmelodie

Die Sprachmelodie. Beim Sprechen verändert sich immer wieder der Grundton der Stimme. Dadurch wird die Sprache melodisch und kann wichtige Informationen über Absichten und Gefühle übermitteln.

Lauteinheiten müssen zu Lautfolgen zusammengesetzt sein und diese wieder sollen syntaktische Einheiten bilden und einen Sinnzusammenhang (Satz) ergeben.

Die Entdeckung, dass stirnseitige Areale in der linken Gehirnhälfte die Sprachproduktion überwachen, erfolgte 1861-63 durch den Neurologen Paul Broca und gilt als Geburtsstunde der systematischen Neuropsychologie. Das Operculum wird zusammen mit dem davor liegenden Sprachareal als „Broca-Areal“ bezeichnet.

Eine spannende Frage ist, auf welche Weise grammatikalische Regeln in den Nervennetzwerken des Stirnhirns verankert sind. Denn nicht nur die Anordnung der Sprachlaute, sondern vor allem auch die Wortfolge muss so erfolgen, dass das Gemeinte von anderen Personen verstanden wird. Im Stirnhirn müssen also die Regeln für die Artikulation und für einen verständlichen Satzbau zur Verfügung stehen. Sie werden hauptsächlich schon im Vorschulalter erworben: „Du stehst im Zimmer, der Ball liegt im Korb, das Essen liegt schwer im Magen“.

Personen, die mit Aussagen konfrontiert werden, wie „Die Kuh wurde im gefüttert“, reagieren erst einmal überrascht. Im Hirnstrombild gibt es eine deutliche Auslenkung. Danach werden Hypothesen generiert, wie der Satz zu heilen wäre: Entweder das „im“ ignorieren oder das Wort „Stall“ ergänzen. Dazu wird auf ein Phrasengedächtnis zurückgegriffen, das aus üblicherweise gehörten Sätzen aufgebaut wurde und das sich in den für das Sprachverständnis erforderlichen Arealen befindet (siehe Sprachverständnis).

Im Gegenzug hilft das im Stirnhirn angelegte Gedächtnis für Artikulation und Syntax beim Sprachverstehen. Wenn zum Beispiel die Präposition „im“ einen bestimmten Ort erwarten lässt, kann möglicherweise das undeutlich gesprochenes Wort „Basser“ (statt Wasser) besser verstanden werden. Für das Satzverständnis muss oft schlussfolgernd beziehungsweise in Analogien gedacht werden. Diese Leistungen erfolgen mit Hilfe von Arealen, die dem Broca-Areal benachbart sind und die unabhängig von alltäglichen Sprachverstehen geübt werden müssen.

Verletzungen des Broca-Areal führen dazu, dass die Patienten in erster Linie nicht mehr deutlich artikulieren können. Darüber hinaus vermeiden sie, komplizierte Sätze zu verwenden. Auf die Frage eines Arztes, ob ein Patient heute von seiner Tochter besucht wird, antwortet der Patient zum Beispiel: „Ja, Nammita“ (für: „am Nachmittag“). Da bei Broca-Patienten das Gedächtnis für Wort- und Satzbildungsbildungsregeln beeinträchtigt ist, verstehen sie auch undeutlich oder schnell gesprochene Sätze schlecht.

Tipps für den Alltag des Sprechens

Die Verwendung mehrerer Sprachen gelingt in der Regel umso besser, je früher die zweite Sprache erworben wird. Menschen unterscheiden sich darin, wie sehr die Sprache im Gehirn verankert ist und damit das Denken dominiert. Häufig wird ja auch die rechte Hirnhälfte als Sprachspeicher verwendet. Man sollte sich aber davor hüten zu meinen, dass die Ausdrucksfähigkeit eine Voraussetzung für differenziertes Denken ist. Insbesondere ist die Fähigkeit, sich im Raum zu orientieren und Gestalten oder Prozeduren zu erfassen, nicht an Sprache gebunden. Freilich kann das Denken durch den sprachlichen Gedankenaustausch geschult werden. Ein Verstehen ist immer daran gebunden, ob man etwas damit anfangen kann. Dieser Aspekt lässt sich auch für effektiveres Lesen nutzen. Man kann Texte schnell und mit Erkenntnisgewinn überfliegen, wenn man den Text aufgrund einer vorher selbstformulierten Frage durchforstet oder wenn man nach einer ganz bestimmten Information sucht.
Sprechfehler sind keine Hinweise auf Denkfehler. Sie entstehen meist auf Grund von Unaufmerksamkeit oder, weil mehrere Gedanken, die zum Ausdruck drängen, miteinander konkurrieren.

Buchempfehlungen zur Vertiefung einzelner Themen

buch2_klugheit
Zur Rolle der Syntax in der Kommunikation.

 

buch1_warum_ich_weiss
Hintergründe zur Zeichensprache und zu Ausdrucksmöglichkeiten in Gedichten.

 

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