Klugheit

Können sich nicht auch durchschnittlich intelligente Menschen besonders klug verhalten? Was zeichnet eigentlich kluges und umsichtiges Verhalten aus?

Informationsmanagement als Grundlage des Handelns

Ob Handeln klug war, erweist sich meistens erst am Erfolg. Unter Intelligenz verstehen Psychologen Fähigkeiten, die an Hand messbarer und zwischen Menschen vergleichbarer Leistungen objektiviert werden können. Sie setzen explizite Regeln voraus, zum Beispiel logische Schlussfolgerungen, deren Befolgung zielführend ist. Dagegen beruht Klugheit in der Regel auf Finderegeln (Heuristiken), die schwer messbar und auch nicht immer erfolgreich sind, wie zum Beispiel Vorsicht oder Umsicht. Dennoch sind derartige Dimensionen klugen Verhaltens offenbar nicht nur auf Dauer vorteilhaft, sondern besitzen sogar im wissenschaftlichen Handeln eine lange Tradition. Sind solche Global-Heuristiken vielleicht sogar zu einem gewissen Grad biologisch verankert?

Grob gesagt, kann man in der Großhirnrinde einen hinten liegenden, gedächtnistragenden Teil und einen stirnseitigen, handlungsvorbereitenden Teil unterscheiden. Die Handlungsvorbereitung erfolgt dabei in verschiedenen Arealen, die zum Stirnhirn gehören, jedoch unter Verwendung von Informationen, die im Gedächtnis gerade aktiv sind oder die nach Bedarf gezielt aktiviert werden. Dieses Informationsmanagement im Dienst der Handlungsvorbereitung folgt entsprechend den Funktionen der Stirnhirn-Areale mehreren Zwecken. Abgesehen von den Sprachfunktionen lassen sich die Ziele dieses Informationsmanagements, vereinfacht gesprochen, sieben Funktions-Bereichen zuordnen.

Eine einfache Übersicht über die Alltags-Funktionen der Stirnhirnareale haben wir bereits im einführenden Kapitel „Das Großhirn im Überblick“ vorgestellt. Im Folgenden wollen wir zeigen, dass handlungsvorbereitendes Informationsmanagement sogar dem wissenschaftlichen Handeln dient.

Sich orientieren. Die obere Stirnhirnwindung kann einen Sachverhalt auf Grund von wenigen Informationen, zum Beispiel Ort und Verlauf, konstruieren. Es werden gewissermaßen induktive Schlüsse gezogen und auf diese Weise Erwartungen oder Planvorstellungen aufgebaut. In der Wissenschaft kennt man theoretische Annahmen, die sich später noch praktisch, oder Laborexperimente, die sich erst im Feld bewähren müssen.

Gelerntes verwenden. In der Neuropsychologie ist als Symptom sogenanntes Utilisationsverhalten bekannt. Das bedeutet, dass bestimmte Gegenstände, z.B. ein Hammer, für Patienten einen so starken Aufforderungscharakter besitzen, dass der entsprechende Gegenstand unbedingt ergriffen und verwendet werden will. In der Wissenschaft ist es eine Selbstverständlichkeit, dass bewährte Regeln und Strategien streng eingehalten werden. Eine bestehende Annahme wird so lange beibehalten, bis sie klar widerlegt werden kann.

Wahrscheinlichkeiten berücksichtigen. Von bestimmten neuropsychologischen Patienten (Parkinson-Patienten gehören dazu) ist bekannt, dass sie höchst wahrscheinliche Zusammenhänge von unwahrscheinlichen schlecht unterscheiden können. Eine solche Unterscheidung ist jedoch wichtig, damit Bedeutsames richtig erkannt wird: „Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer“. In der Wissenschaft gilt der Grundsatz, dass ein einziger, wenn auch scheinbar gut gesicherter Befund noch nicht wirklich bedeutsam sein muss. Erst wenn mehrere Befunde in die gleiche Richtung deuten, ist die entsprechende Aussage ernst zu nehmen.

Zusammenhänge erkennen. Die mittlere Stirnhirnwindung ermöglicht sogenannte flüssige Intelligenzleistungen (s. Kapitel Intelligenz). Der vordere Teil dieser Windung bildet zugleich den vordersten Pol des Gehirns. Soweit wir wissen, unterstützt er im Falle von Nichtpassung einen Wechsel in der Modellverwendung. In der Wissenschaft spielt das Denken in Analogien, sowie das Verwenden von Modellen und Maßstäben eine große Rolle. Es ist stets wichtig, das Modell zu wechseln, sobald die Grenzen des Geltungsbereichs erreicht sind.

Sich engagieren. Unabhängig von einem äußeren Tätigwerden gibt es auch ein inneres Handeln, zum Beispiel eine verstärkte Konzentration, eine Gedächtnissuche oder der Versuch, sich etwas einzuprägen. Inneres Handeln wird meistens bewusst erlebt. In der Wissenschaft ist es üblich, bestimmte Kernaussagen so hervorzuheben, dass sie leicht verstanden und auch gemerkt werden können („take home message“).

Erfahrungen anzweifeln. Aus dem Alltag kennt man Fehlwahrnehmungen oder Wahrnehmungstäuschungen. Derartige Phänomene lassen sich in der Regel mit Hilfe von Informationen aus dem Wahrnehmungs-Kontext leicht korrigieren. Dabei hilft die engmaschige Vernetzung im Gehirn, insbesondere auch die Verbindung zwischen den Hemisphären. Diese erlaubt, dass Detailinformationen (z. B. eine wahrgenommene Mimik) in Beziehung zu einem größeren Zusammenhang (z. B. die Gesprächssituation) gesetzt werden können. In der Wissenschaft ist es stets bedeutsam, welche Stichproben aus welchen Grundgesamtheiten den jeweiligen Studien zugrunde liegen. Um Statistiken und die Angemessenheit einer Untersuchung verstehen zu können, ist es wichtig, die Art und den Kontext der Datenauswahl zu kennen.

Bewertungen vornehmen. Im basalen Stirnhirn gibt es Areale, die Annäherungs- oder Vermeidungsverhalten auf Grund von Erfahrung unterstützen, sowie andere, die in bestimmten Situationen verinnerlichte Regeln auf ihre Passung prüfen. Diese Art von moralischer Bewertung kann individuell und situationsabhängig eher umsichtig oder engstirnig erfolgen. In der Wissenschaft sollen Befunde „sine ira et studio“ (möglichst vorurteilslos) bewertet werden. Randbedingungen, wie etwa bestimmte Interessen oder kulturabhängige Gültigkeiten müssen offengelegt werden.

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