Kategorie-Archiv: Die höheren Funktionen

Geschlechtsunterschiede

Gibt es außer den primären Geschlechtsmerkmalen und den Hormonen noch andere wesentliche Geschlechtsunterschiede? Warum sollte man in der Neurowissenschaft überhaupt über das Geschlecht sprechen?

Das genetische Geschlecht

Die genetische Zweigeschlechtlichkeit hat sich offenbar im Hinblick auf die Sicherung von Nachkommenschaft mit wenigen Ausnahmen bei höheren Lebewesen in der Evolution durchgesetzt. Das vorrangige Merkmal der Zweigeschlechtlichkeit ist das Vorhandensein von einem XX- oder einem XY-Chromosomenpaar. Auf Grund von Erbvarianten oder von Besonderheiten der Hormonproduktion gibt es, allerdings eher selten, auch XX-Männer oder XY-Frauen. Solche Personen treten einmal unter Zehntausend bis Hunderttausend in Erscheinung. Mit einer Häufigkeit von 1-2 Promille sind Männer mit XXY-Chromosomen und verminderten Sexualfunktionen häufiger.

In der Regel ist mit dem genetischen Geschlecht (Vorhandensein oder Fehlen des Y-Chromosoms) die Entwicklung einer Reihe von körperlichen Merkmalen verbunden. Dazu gehören vor allem die unterschiedlichen primären Geschlechtsmerkmale, aber auch einige Unterschiede im Bau des Gehirns. Diese Merkmale sind ein Ergebnis von biologischen Anpassungen, die vor allem auf den Evolutionsdruck am Ende der letzten Eiszeiten zurückgehen dürften. Die Ausprägung solcher Differenzierungen lässt sich, soweit bekannt, rechnerisch ungefähr mit der Wahrscheinlichkeit vergleichen, dass Frauen meist eine geringere Körperhöhe aufweisen als Männer.

Neuropsychologisch bedeutsam ist zum Beispiel die Spezialisierung der Hirnhälften auf Sprache bzw. räumliche Orientierung und episodische Details. Diese Form der sogenannten Lateralisierung ist bei Frauen etwas geringer ausgeprägt, was sich bei ihnen in teilweise besseren sprachlichen Fähigkeiten, aber auch in einer besseren Kompensation nach einseitigen Hirnverletzungen zeigt. Gleichzeitig lassen sich bei Frauen oft mehr Faserverbindungen, insbesondere auch zwischen den Hirnhälften, nachweisen. Dies gilt auch für die Verbindungen zwischen den emotionssteuernden Mandelkernen.

Allerdings kann Sprachinformation und symbolische Information mit weniger Nervenzellen verarbeitet werden als Umgebungsinformation. Daher benötigen die typischerweise rechtshemisphärischen Leistungen, also räumliche Orientierung und episodisches Gedächtnis, mehr Nervenzellen. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass männliche Gehirne im Schnitt ca. 15% mehr Nervenzellen besitzen und um etwa den gleichen Betrag schwerer sind als weibliche.

Deutliche Geschlechtsunterschiede gibt es auch in einzelnen Hirnregionen. Insbesondere ist bei Männern gegenüber Frauen ein Bereich im hinteren Scheitellappen (Gyrus angularis) um 19% größer, sowie die Oberfläche des Schläfenlappens. Der erstgenannte Bereich ist für die Verknüpfung von Informationen aus verschiedenen Sinnesgebieten wichtig (intersensorische Integration). Ebenfalls um 19% größer ist bei Männern gegenüber Frauen ein Bereich im unteren Stirnlappen, der das Verständnis von Zweck bzw. Geltungsbereich von Regeln unterstützt.

Unterhalb der Großhirnrinde sind im Hypothalamus (für vegetative Funktionen) bei Männern mehrere Gebiete relativ groß, die die körperliche Reaktionsbereitschaft erhöhen. Bei Frauen ist in der Regel eine Region im vorderen Scheitellappen relativ groß (Gyrus supramarginalis, 9% mehr als bei Männern). Dieser Bereich unterstützt die Beobachtung von sozialen Bewegungen und das Erlernen einer Zweitsprache. Soweit bekannt, liegen alle anderen bisher beschriebenen Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Gehirnen unter 5%. Geringe Unterschiede können auch auf Effekte der neuronalen Plastizität (Veränderung durch Übung oder Gewohnheit) zurückzuführen sein (s. Forschungsliteratur).

Sexuelle Präferenzen und Homosexualität

Bei der Diskussion von Gründen für sexuelle Präferenzen ist in den meisten Fällen die Ausbildung von Gewohnheiten maßgeblich. Das Zustandekommen einer Bevorzugung gleichgeschlechtlicher Partner (und teilweise auch von Transsexualität) beruht jedoch in der Regel auf mehreren Einflussfaktoren. Insbesondere dürfte die Ausprägung von mehreren Kerngebieten in der sogenannten präoptischen und supraoptischen Region des Hirnstamms entweder die Stärke oder aber die geschlechtstypische Art der sexuellen Aktivität beeinflussen. Solche Entwicklungen sind in der Regel genetisch bedingt, können aber auch sekundär durch Hormone modifiziert sein. Die meisten Untersuchungen belegen darüber hinaus fast immer einen großen Einfluss von individuellen Umweltfaktoren, die unter Umständen einen prägenden Charakter haben können.

Geschlechtsidentifikation (Gender)

Unter bestimmten zivilisatorischen Bedingungen (Wohlstand, Bildung) ist die Geburtenrate weltweit gering. Die Frage, ob sich jemand mit seinem eigenen biologischen Geschlecht identifizieren möchte, eine andere Geschlechterrolle annehmen möchte oder eine Geschlechtsidentifikation überhaupt ablehnt, ist kulturell einzuordnen.

Buchempfehlungen zur Vertiefung einzelner Themen


Detaillierte Informationen über die Funktionen der einzelnen Gehirnteile.

Zurück zum Seitenanfang und zum Menü

Das deklarative Gedächtnis

Auf welche Weise prägt sich Wissen in das Gehirn ein? Und wie können Erinnerungen später gezielt abgerufen werden?

Das frei abrufbare, deklarierbare Wissen über die Welt oder über selbsterlebte Episoden nennt man deklaratives Gedächtnis. Es wird von impliziten, d.h. rein motorischen oder Gewohnheiten steuernden oder emotionalen Gedächtnisformen unterschieden (s. dazu das Kapitel Gedächtnis). Es gibt also verschiedene Gedächtnisformen. Außerdem erfolgt das Einprägen im Wissensgedächtnis auf besondere Weise und nach völlig anderen Prinzipien als dies etwa in der KI oder bei künstlichen, lernenden Netzwerken der Fall ist. Zum deklarativen Gedächtnis gehört selbstverständlich auch das Wiedererkennen von Sachverhalten. Darüber hinaus ist die Fähigkeit von Interesse, Wissen auf Grund von indirekten Hinweisen abrufen zu können.

Die Speicherorte des deklarativen Gedächtnisses liegen auf der Großhirnrinde, vor allem im unteren Scheitellappen und im Schläfenlappen. Wissen ist eher in der linken Hemisphäre und Selbsterlebtes eher in der rechten verankert (s. z.B. das Video darüber, wie Menschen über andere nachdenken, im Kapitel Perspektivenübernahme). Weiterlesen

Die sogenannte Einsicht

Welche Hirnmechanismen erzeugen Einsicht und warum bleiben Menschen oft uneinsichtig?

Unter dem Begriff der Einsicht fasst man im Alltag sehr unterschiedliche Phänomene zusammen: das Entdecken eines Mittels im Zusammenhang mit der Lösung eines Problems (z.B. eine zielführende Vorgehensweise), das unmittelbare Bewusstwerden einer Gestaltwahrnehmung (z.B. wenn aus Strichen plötzlich ein Gesicht entsteht) oder die erfolgreiche Übertragung einer Analogie (z.B. beim Verstehen eines Witzes). Sicherlich besitzen alle diese Beispiele gemeinsame Eigenschaften, wie etwa ein abschließendes Aha-Erlebnis. Aber gibt es auch systematische Gemeinsamkeiten im Verlauf der jeweiligen Informationsverarbeitung? Weiterlesen

Entscheiden

Probleme können nicht ohne gründliche Urteile und Entscheidungen gelöst werden. Wo im Gehirn ist die Instanz, die letztlich entscheidet?

Urteilen und Entscheiden

Verschiedene Urteils- und Entscheidungsstrategien (Heuristiken) werden meist an Hand von mathematischen Modellen oder Computersimulationen geprüft. Dazu gehören Algorithmen, auch solche, die zwar leicht anwendbar sind, aber nur selten zu optimalen Lösungen führen (s. Forschungsliteratur). Häufig arbeitet man mit Zufallsmodellen, insbesondere auch mit solchen, die bedingte Wahrscheinlichkeiten berücksichtigen. Wissenschaftliche Modelle zur Anwendung und Überprüfung von Entscheidungsstrategien orientieren sich meistens an bestimmten beispielhaften Problemstellungen, wie zum Beispiel Gewinn- und Verlustentscheidungen, oder am Verlauf von Kooperationsversuchen von zwei oder mehreren Personen. Weiterlesen

Psychoanalytische Begriffe

Was sagt die Neuropsychologie zu den Konzepten von Sigmund Freud? Was kann man unter Trauma, Hysterie, dem Es, einem Traum, unter Übertragung und Abwehr oder unter Verdrängung verstehen?

Neuropsychologen und Psychoanalytiker sind sich in einem Punkt einig: Wenn Freud heute leben würde, wäre er Neuropsychologe. Sigmund Freud (1856-1939) war jedoch ursprünglich Neurophysiologe im Wiener Allgemeinen Krankenhaus. Bereits mit etwa 27 Jahren fand er bei vielen Patienten die damalige naturwissenschaftliche Herangehensweise unzureichend. Zusammen mit dem Internisten Josef Breuer entwickelte bei der Behandlung einer sogenannten hysterischen Patientin etwas, was er später eine „Redekur“ nannte. Weiterlesen

Ästhetik

Über Geschmack lässt sich streiten …

… und Gefallen hängt oft vom Zeitgeist ab. Somit ist ästhetisches Empfinden scheinbar sehr indiiduell geprägt. Doch zur Untersuchung von subjektivem Erleben gibt es gute psychologische Methoden. Lassen sie sich von den folgenden Videos überraschen, die Ihnen zeigen werden,wie Interesse, Gefallen und das Gefühl von Schönheit entsteht. Weiterlesen

Zusammenhänge & Ursachen

Wie kommt es dazu, dass man in der Wahrnehmung und beim Denken oft Dinge in Verbindung bringt, die kaum etwas miteinander zu tun haben?
Wieso erkennt man eigentlich Gegenstände, obwohl man sie kaum sieht?
Und wie kommt das Gehirn dazu, Vermutungen über Sachverhalte anzustellen, über die es kaum etwas weiß?

Sie sehen das Bild eines jungen Mannes und erfahren, dass er Raucher ist. Glauben Sie, dass dieser Mann imstande sein könnte, spontan mit dem Rauchen aufzuhören, wenn ihn seine Freundin ernsthaft darum bittet? Sagen Sie jetzt nicht, dass so eine Zuschreibung verrückt ist. Ähnliche Zuschreibungen geschehen tagtäglich, wenn eine neue Naturheilmethode ausprobiert wird oder ein Börsenguru aus dem Kaffeesatz liest. Das Beispiel mit dem Raucher stammt übrigens aus einer psychologischen Untersuchung, wo die Teilnehmer gebeten wurden, auf jeden Fall eine Antwort zu geben, um zu sehen, welches Hirnteil an einem solchen Urteil besonders beteiligt ist. Weiterlesen

Aufmerksamkeit

Was ist Aufmerksamkeit, wie entseht Aufmerksamkeit im Gehirn? Inwieweit lässt sich die eigene Aufmerksamkeit gezielt steuern oder steigern?

Aufmerksamkeit wird meist als eine besondere Form von besonders deutlichem Bewusstsein angesehen. In der Psychologie kennt man jedoch auch automatische Aufmerksamkeitsprozesse. Auf Grund solcher Formen von Aufmerksamkeit kann es geschehen, dass Unfallzeugen einen flüchtigen Unfallverursacher nicht beschreiben können, weil sie – abgelenkt durch die Unfallschäden – seinem Gesicht offenbar keine Aufmerksamkeit geschenkt haben. Bei Konfrontation mit Fotos möglicher Täter kann der Unfallverursacher unter Umständen dennoch wiedererkannt werden. Das weist darauf hin, dass dem Gesicht unbemerkt doch so viel Aufmerksamkeit geschenkt worden war, dass eine Gedächtnisspur eingeprägt wurde. Diese war zwar nicht für die Beschreibung, wohl aber für die Wiedererkennung ausreichend Weiterlesen