Gedankenlesen

Ist Gedankenlesen möglich? Welche Erkenntnisse liefert die Hirnforschung? Unter welchen Bedingungen können die Gedanken anderer Menschen „gelesen“ werden?

Gedankenlesen ist das Erkennen von Gedankengängen, die nicht ausgesprochen werden. Wer möchte nicht manchmal die Gedanken anderer lesen– auch ohne die Tricksereien von Bühnenkünstlern? Tatsächlich ist Gedankenlesen für jeden Menschen bis zu einem gewissen Grad möglich. Die Natur hat uns Menschen mit einer ganzen Palette von Fähigkeiten ausgestattet, die es erlaubt, Stimmungen, Absichten, Sichtweisen und Gedanken anderer Personen ansatzweise zu erraten. Das Hineindenken in eine bestimmte Perspektive, das Lesen von Mimiken und die Aktivität von Spiegelzellen sind der Schlüssel zum Erfolg (siehe hierzu auch Empathie).

Moderne Methoden der Hirnforschung lassen zu, dass wir über die Gedankengänge von Menschen immer mehr in Erfahrung bringen.

Gedankenlesen mit dem EEG. Welcher Gegenstand wurde besonders beachtet? Einer Person wurden mehrere Bilder von vier Gegenständen gezeigt. Dabei wurde die elektrische Aktivität des Gehirns registriert (EEG). Bei jeweils einem der abgebildeten Gegenstände (schwarze Kurve) kann man eine deutliche Auslenkung sehen, weil der darauf abgebildete Gegenstand besonders beachtet wurde.

Doch eignen sich diese Methoden auch, um konkrete Gedanken von einzelnen Personen zu erfassen? Immer wieder berichten Zeitungen über spektakuläre Entdeckungen beim „maschinellen Gedankenlesen“. Doch man kann beruhigt sein: Die meisten Interpretationen solcher Befunde sind übertrieben.

Es gibt nämlich beim Gedankenlesen mit Hilfe von Hirnmessungen ein grundsätzliches Problem. Da Menschen in hohem Maße lernfähig sind, erfolgt die Verankerung von Wissen und Denken im Gehirn von Mensch zu Mensch höchst unterschiedlich (siehe auch Gedächtnis). Das bedeutet, dass man ein bestimmtes Gehirn schon sehr gut kennen muss, um über dessen spezielle Arbeitsweise zutreffende Vorhersagen machen zu können. Die Messung von Aktivitäten im Gehirn, die Gedanken erkennen lassen, und die Vorhersage von Absichten bei einem Menschen ist beispielsweise möglich, wenn sich dieser Mensch bereits früher zur Mitarbeit an ähnlichen Messungen bereiterklärt hat.

Seh- und Tastinformation lassen sich besonders gut „lesen“

Es gibt im Gehirn auch Bereiche, die man mit geeigneten Methoden besonders gut „lesen“ kann: Die Verarbeitung von Seh- und Tastinformation, sowie die Steuerung der Gliedmaßen-Motorik. Daher kann man zum Beispiel durch Analyse von Hirnwellen Aufschlüsse darüber bekommen, welchem Seheindruck besondere Beachtung geschenkt wurde oder welche Bewegung als nächste ausgeführt wird. Teilweise ist hierfür auch wieder eine gewisse konstruktive Mitarbeit der betreffenden Personen erforderlich. Unter diesen Voraussetzung sind die genannten Verfahren sehr wertvoll und nützlich. So ist es zum Bespiel möglich, dass gelähmte Menschen einen Computer nur mit Hilfe von gerichteter Aufmerksamkeit steuern können. Oder es können mechanische Prothesen mit Hilfe von motorischen Absichten – noch ohne dass eine Bewegung erfolgt – in die richtige Richtung bewegt werden.

Buchempfehlung:

buch1_warum_ich_weiss, rainer bösel
Alles über das „Gedankenlesen“ aus Sicht der Hirnforschung.

 

 

Seite teilen via:
Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on Twitter