Kreativität, Fantasie & Aberglaube

Wie entsteht Kreativität im Gehirn? Wie kann man kreatives Denken fördern?

Kreativität ist die Schaffung von etwas Neuem, das brauchbar ist. Erst auf Grund einer Handlung oder eines Produktes lässt sich von Kreativität sprechen. Meist entsteht die Zuschreibung ein Werk oder eine Person sei kreativ erst durch das Urteil anderer Menschen. Dieses Urteil hängt davon ab, ob eine schöpferische Produktion auf Grund seiner besonderen Eigenschaften für originell und nützlich gehalten wird (wie etwa beim Lösen klassischer Probleme) oder ob die schöpferische Produktion aufgrund seiner enormen Menge und Vielfalt beeindruckend ist. Dem schöpferischen Prozess werden jedenfalls ungewöhnliche Gedanken (Fantasie) oder eine ungewöhnliche Schaffenskraft (Produktivität) unterstellt.

Schöpferisches Denken

Um kreativ tätig zu werden, bedarf es zunächst der Fantasie, also zum Beispiel einer möglichst anschaulichen Vorstellung von Dingen, die man nicht sieht oder vielleicht auch gar nicht sehen kann. Dabei handelt es sich um Inhalte des Gedächtnisses, die mit Eigenschaften versehen werden, manchmal auf Grund sehr lockerer Assoziationen. Eine der faszinierendsten Facetten des Denkens ist die unerschöpfliche Vielfalt der Fantasie (siehe auch Denken). Manche Menschen schaffen es, mit Hilfe von Fantasie schöpferisch tätig zu werden und aus diesem verwirrenden Vorrat an scheinbar zufällig verknüpften Gedanken erkennbaren Nutzen zu ziehen oder für andere Brauchbares zu gestalten. Welche Hirnmechanismen stecken dahinter und unter welchen Voraussetzungen kann Handeln durch Kreativität beflügelt werden?

Zunächst muss man feststellen, dass unser Gedächtnis sehr ökonomisch und daher recht sparsam funktioniert (siehe Gedächtnis). Das bedeutet, dass man bei jeder Erinnerung unwillkürlich eine Ausschmückung vornimmt, auch wenn meint, etwas genau zu wissen. Im Alltag merkt man oft gar nicht, was alles bei einer Erinnerung im Grunde falsch oder dazu gedichtet ist. Polizisten und Richter haben jedoch täglich mit ehrlichen, aber falsche Zeugenaussagen zu tun. Fantasie ist also jedem Menschen angeboren, nur muss man lernen, sie nutzbringend einzusetzen. Da kommt die Brauchbarkeit von Fantasie ins Spiel. Zum Beispiel ist beim Lösen von vielen Problemen Fantasie gefragt (siehe Problemlösen).

Produktivität und divergentes Denken

Psychologen sprechen im Zusammenhang von Kreativität lieber von divergentem Denken und von Produktivität. Sigmund Freud ließ seine Patienten mitunter einfach in entspannter Atmosphäre frei assoziieren. Dadurch förderte er divergentes Denken. Ob man in einem Gebiet produktiv sein kann, lässt sich auf andere Weise prüfen: Wozu kann man einen Ziegelstein verwenden, außer zum Bauen? Prüfen Sie sich selbst und zählen Sie ganz einfach die Anzahl der Verwendungsmöglichkeiten eines Ziegelsteins, die Ihnen einfallen. Eine nicht einfach zu beantwortende Frage ist, ob Kreativität ein Merkmal der Persönlichkeit ist. Bei Kindern kann man zum Beispiel prüfen, ob sie zu Bildern viele Ideen entwickeln, vielfältige Arten von Zeichnungen anfertigen oder bei Problemen verschiedene Handlungsalternativen sehen. Bei Erwachsenen kann die Offenheit für neue Erfahrungen mit Tests geprüft werden. Man unterscheidet Personen, die auf vielfältige Weise kreativ sind andere sind z.B. eher unternehmungslustig. Viele Personen hingegen sind auf einen besonderen schöpferischen Bereich spezialisiert. Wichtig zu wissen ist, dass man seine Fähigkeit kreativ tätig zu werden stets weiter verbessern kann.

Fantasie

Was ist Fantasie? Wie entscheidet man, ob etwas nur möglich oder auch wirklich ist? Wie entsteht Aberglaube?

Wir sind es gewohnt, die Informationsverarbeitung im Gehirn als Erregungsausbreitung in Netzwerken von Nervenzellen anzusehen. Da Nervenzellen ständig auch spontan aktiv sind, gibt es in diesen Netzwerken einen fortwährenden Informationsfluss. Selbstverständlich können derartige Informationen auch gelegentlich bewusst werden, auch ohne dass sie bedeutsam im Sinne von handlungsrelevant sind. Dann sprechen wir von Fantasieproduktion.

Realitätsprüfung

Bei krankhaften Zuständen, aber auch manchmal im Alltag, stellt sich die Frage, ob und wie das Gehirn zwischen Fantasieproduktion und realitätsbezogenen Gedanken unterscheiden kann. Wir gehen heute davon aus, dass es je nach Art der Gedanken mehrere, voneinander unabhängige Mechanismen gibt, die eine Realitätsprüfung erlauben.

Bei Wahrnehmungen kann das Gehirn in der Regel leicht feststellen, ob ein gedankliches Bild auf einer Fantasieproduktion oder auf einer realen Wahrnehmung beruht. Der entscheidende Punkt ist, ob bei der vermeintlichen Wahrnehmung das entsprechende Sinnesareal aktiv war. Allerdings kann es bei Personen mit einer Neigung zu überschießenden Assoziationen vorkommen, dass intern entstehende Bilder so stark aktiv sind, dass sie gewissermaßen auf umgekehrtem Wege ein Sinnesareal erregen. In diesem Fall sprechen wir von Halluzinationen.

Erinnerungstäuschung und Suggestion

Eine den Wahrnehmungstäuschungen ähnliche Form von Realitätsunsicherheit kann bei Erinnerungen an Selbsterlebtes auftreten. Auch hierbei sollten bestimmte Gehirnteile, die üblicherweise bei solchen Erinnerungen beteiligt sind, aktiv werden. Wenn das nicht der Fall ist, hat man die Situation, die einem durch den Kopf geht, auch nicht selbst erlebt. Bei Müdigkeit oder Stress tritt hierbei eine Unsicherheit auf und es entsteht subjektiv der Eindruck, man hätte eine Situation in der man sich befindet, zum Beispiel einen Bericht im Fernsehen, schon einmal erlebt (Déjà-vu).

Erinnerungstäuschungen können unter Umständen jedoch noch viel gravierender ausfallen. Vor allem in Prüfungssituationen oder bei Zeugenbefragungen suchen die Befragten in der Regel nach plausiblen Antworten. Mitunter wird dabei eine Situation, die einen selbst betrifft, sogar erdichtet. Wenn es dann noch eine Person gibt, die suggestiv die Situation bestätigt, ist man von der Richtigkeit der Annahme überzeugt, auch wenn eigentlich keine weitere Erinnerung zu Selbsterlebtem vorhanden sein kann. In einem bedeutsamen Experiment der britischen Forscherin Julia Shaw wurde mit freiwilligen Personen dreimal hintereinander ein längeres Verhör durchgeführt. In diesen Verhören wurde der Anschein erweckt, als hätten die betreffenden Personen etwas gestohlen oder hätten sogar einen bewaffneten Raubüberfall durchgeführt. Die meisten der verhörten Personen glaubten anschließend tatsächlich, sich in der Vergangenheit entsprechend verhalten zu haben und die Straftat nur „verdrängt zu haben“.

Suggerierte Erinnerungstäuschungen zeigen, wie sehr Urteile von sozialen Einflüssen abhängen, sogar wenn sie Selbsterlebtes betreffen. Wenn es um Sachverhalte geht, die Dinge betreffen, die nicht selbst beobachtet wurden oder auch gar nicht so leicht beobachtet werden können, ist man besonders leicht täuschbar. Aus einer momentanen Illusion kann in solchen Fällen eine überdauernde Selbsttäuschung werden, wenn durch Wiederholung ein Lernprozess in Gang gesetzt wird, und es kann zu abergläubischem Verhalten kommen. Das soll an einem Beispiel erklärt werden.

Selbsttäuschung bei Verlustvermeidung und Gewinnstreben

Aberglaube entsteht besonders leicht, wenn es darum geht, einen Verlust zu vermeiden. In Situationen mit hohem Verlustrisiko, zum Beispiel in Glücksspielen, oder in Leistungssituationen, zum Beispiel vor sportlichen Wettkämpfen, suchen die meisten Personen nach Verhaltensweisen, die aus subjektiver Sicht helfen, einen drohenden Verlust zu vermeiden. Spielsüchtige meinen, den Verlust durch Weiterspielen vermindern zu können. Sportler vertrauen manchmal zweifelhaften Coaches und deren Methoden. Bei Krankheiten nimmt man gerne ein Mittel, das auch schon mal einer anderen Person geholfen hat, mitunter ohne genaue Kenntnis des fremden Krankheitsverlaufs.

In allen genannten Fällen spielen neben den sozial-suggestiven Einflüssen überraschende Erfolge eine Rolle, die eine scheinbar solide Lernerfahrung vortäuschen. Die Zweckmäßigkeit des jeweiligen Vorgehens, beim Verharren im Glücksspiel oder bei der Einnahme eines vermeintlichen Wundermittels, ist argumentativ schwer zu widerlegen.

Tipps zur Nutzung der Kreativität

Divergentes Denken und kreatives Handeln lässt sich durch Übung verbessern. Dazu wird empfohlen, sich alle Dinge, mit denen man sich intensiver und kreativer beschäftigen will, möglichst anschaulich vorzustellen. Solche Dinge können Gefühle sein, die man künstlerisch darstellen will, oder Automodelle, die man designen will, oder wissenschaftliche Gegenstände, die man einer genaueren Untersuchung unterziehen will.

Eine möglichst anschauliche gedankliche Beschäftigung mit den Gegenständen und Sachverhalten des Interesses kann man dadurch erreichen, dass man sie mit möglichst konkreten Eigenschaften versieht, die vielleicht gar nicht zutreffen, aber grundsätzlich denkbar wären. Daraus entstehen „fantastische“ Vorstellungen und Gedanken, die nicht unbedingt zielführend sind, aber den Blick auf den Gegenstand öffnen und neuen Ideen den Weg bereiten (siehe Problemlösen). Wenn das alles nichts hilft, spricht man manchmal von eingefahrenem Denken oder von Denkblockaden. Dann sollte man das gleiche tun, wie in einer Situation, in der einem ein Name, den man kennt, beim besten Willen nicht einfällt: etwas anderes tun und an etwas anderes denken. In einer lockeren und entspannten Situation (z.B. unter der Dusche oder mit Freunden in einem Cafe) knüpfen sich Assoziationen viel leichter als unter Druck. Und wenn man erst einmal die gedanklichen Tore geöffnet hat, fließen die Gedanken manchmal fast wie von selbst.

Tipps zur Vermeidung von Selbsttäuschung und von Verhaltensweisen, die sich als abergläubisch herausstellen könnten

Da Selbsttäuschungen oft auf Grund suggestiver Einflüsse entstehen, sollte man sich vor Suggestion schützen. Das kann man, indem man für Behauptungen objektive und einsichtige Belege fordert und sich nicht mit plausiblen Schlussfolgerungen zufrieden gibt. Wesentlich schwieriger ist es, wenn man eigenem abergläubischem Verhalten vorbeugen will. Die meisten Menschen sind nämlich ziemlich rasch geneigt, sich nach einem überraschenden Erfolg des eigenen Handelns daran auch in Zukunft zu orientieren. Um systematisch beurteilen zu können, ob bestimmte Verhaltensweisen erfolgversprechend sind, zum Beispiel der Kauf einer bestimmten Ware, die beim späteren Verkauf Gewinn bringt soll, fehlt oft eine verlässliche Erfahrung. Hier ist es zweckmäßig, sich an übergeordneten Regeln zu orientieren, die sich in der Vergangenheit in größerem Umfang und auch unter widrigen Umständen bewährt haben. Nicht anders gehen Wissenschaftler vor: Sie prüfen ihre Vermutungen in größerem Umfang und gegen Alternativ-Vermutungen.

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Wie Kreativität die Leistungsfähigkeit im Alter trainiert.

 


Ein unverstellter Blick auf Kreativität.

 

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