Die sogenannte Einsicht

Welche Hirnmechanismen erzeugen Einsicht und warum bleiben Menschen oft uneinsichtig?

Unter dem Begriff der Einsicht fasst man im Alltag sehr unterschiedliche Phänomene zusammen: das Entdecken eines Mittels im Zusammenhang mit der Lösung eines Problems (z.B. eine zielführende Vorgehensweise), das unmittelbare Bewusstwerden einer Gestaltwahrnehmung (z.B. wenn aus Strichen plötzlich ein Gesicht entsteht) oder die erfolgreiche Übertragung einer Analogie (z.B. beim Verstehen eines Witzes). Sicherlich besitzen alle diese Beispiele gemeinsame Eigenschaften, wie etwa ein abschließendes Aha-Erlebnis. Aber gibt es auch systematische Gemeinsamkeiten im Verlauf der jeweiligen Informationsverarbeitung?

Die meisten Psychologen gehen heute davon aus, dass sogenannte Erkenntnisphänomene, zu denen letztlich auch die Einsicht gehört, mit der Aggregation (Anhäufung und Überlagerung) von Informationen in den informationsverarbeitenden Netzwerken zusammenhängen.

Es gibt ein einfaches Beispiel zu den Effekten von Informationsaggregation. Beantworte möglichst schnell die Frage: Welche Ziffer ist größer, 6 oder 4? Hierbei kann die richtige Antwort etwa innerhalb einer halben Sekunde erfolgen, dennoch kommt es gelegentlich zu Flüchtigkeitsfehlern. Warum? Wenn die Ziffern dicht nebeneinander liegen, wie 7 und 8, braucht eine richtige Antwort in der Regel nicht nur länger, sondern es passieren in diesem Fall etwas häufiger Fehler, in einer Serie von Aufgaben meist sogar in zwei von 10 Fällen. Ähnliche Symbole haben ähnliche Eigenschaften und können offenbar leichter verwechselt werden. Erst eine längerdauernde Aggregation der in den Netzwerken anflutenden Informationen sorgt für hinreichende Trennschärfe.

Im Verlauf einer Gestaltwahrnehmung sorgt die allmähliche Aggregation von informativen Merkmalen dafür, dass ein entsprechendes Netzwerk in seiner Gesamtheit aktiv wird. Die entsprechenden Prozesse sind in einfachen Fällen relativ übersichtlich und können in bestimmten Fällen sogar auf neuronaler Ebene verstanden werden. Sehen Sie dazu ein Video über Netzwerkaktivitäten im Kapitel „Denken braucht Zeit“.

Aggregatbildungen in der Informationsverarbeitung, wie wir sie bisher erklärt haben, dürften auch beim Problemlösen eine Rolle spielen. Hierbei sind diese jedoch beträchtlich komplexer und die Zeit spielt eine weitaus größere Rolle. Wer sich mit einem Problem oder einzelnen Problemkomponenten nicht hinreichend beschäftigt, bleibt uneinsichtig. Expertise erwirbt man ohnehin nur auf Grund von Lernprozessen über lange Zeiträume (s. Regellernen im Kapitel „Lernen“).

Sehen Sie zum geduldigen und letztlich zielführenden Probieren mit Versuch und Irrtum einige eindrucksvolle Ausschnitte aus einem historischen Film von Wolfgang Köhler (1887-1967) über Problemlöseverhalten bei Schimpansen.

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